Training des Egos

Die störende Wirkung eines anderen Ego

Durch einen tieferen Eindruck ins Leben stellen wir fest, das uns am meisten im Leben stört; es ist das Ego, das die meisten Misstöne ins Leben bringt. Wer die rechte Art der Entfaltung der Persönlichkeit kennt, weiss, dass die erste Aufgabe im Leben darin besteht, das Ego so weit wie möglich auszulöschen. Christus sagt: "Selig sind die Armen im Geiste." Geistige Armut bedeutet, dass das Ego gemildert worden ist. Das Denken, Reden und Handeln eines Menschen, dessen Ego gemildert worden ist, bekommt einen gewissen Zauber. Manchmal zeit ein Mensch nach erlittenen Enttäuschungen und Leiden in seinem Wesen einen gewissen Charme. Dieser Charme rührt von der Milderung des Egos her. Indessen ist jede Tugend, die sich unter dem Einfluss des Lebens von selbst entwickelt hat, nicht im gleichen Sinne eine Tugend wie durch eigene Anstrengung erworbene.
Jede schöne Handlung oder Rede, jeder schöne Gedanke ist durch das Auslöschen des Egos entstanden. So bedingt z. B. jede Höflichkeitsbezeugung ein Zügeln des Egos. Schönheit der Rede beruht immer auf eben diesem Zurücknehmen des Egos, und ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Sobald ein Gedanke sich unbeherrscht äußert, verletzt es das Ego eines anderen. Bei den niederen Geschöpfen wird die Neigung zu kämpfen nur durch das Ego verursacht, und der Mensch besitzt diese Neigung nicht im geringeren, sondern eher im größeren Maße. Diese Neigung schafft sowohl im Leben des Einzelnen, wie in dem der Menge Unruhe und Aufruhr. Die Familienfehden der Vergangenheit, wie die heutigen Kriege stammen alle aus der selben Quelle, dem Ego.
Der Gedanke der Selbstverleugnung im Christentum drückt, - wenn richtig betrachtet - eher die Idee der Überwindung des Egos als die Entsagung aus. Menschen, in deren Nähe wir uns wohl, entspannt und friedlich fühlen, haben immer ein sanftes Ego. Je größer ein Mensch ist, desto feiner ist sei Ego. Es kann dafür kein größeres Beispiel geben als Jesus, wie er die Füsse seiner Jünger wäscht.
Was des Menschen Ego bildet, das ist jegliche Art von Befriedigung des Egos, was es bricht, ist Geduld und Entsagung. Zur Frage, ob es ratsam sei, das Ego so zu zerstören, dass ein so verfeinerter Mensch von anderen übervorteilt werden kann, ist zu sagen, dass es nicht notwendig ist, dem Ego entgegen zu arbeiten, doch soll man es beherrschen.
Es wäre nicht übertrieben, wenn ich sage, dass des Menschen grösster Feind sein Ego ist, sein eigenes ich. Wenn er es nicht beherrscht, dient sein Denken, Reden und Handeln der Befriedigung seines Egos. Je mehr er es befriedigt, desto mehr verlangt es von ihm und ist doch nie zufrieden. Kein anderer besitzt im Leben solche Macht, den Menschen zu versklaven, wie sein eigenes Ego.
In Wahrheit ist der Mensch von göttlicher Essenz, und weil er das ist, hat er das Recht, Herrscher seines eigenen Lebens zu sein, das sein eigenes Reich ist. Durch die Befriedung seines Egos fällt der Mensch aus der Herrscherwürde in die Sklaverei, und am Ende wird ihm sein eigenes Leben zur Last. Um sein eigenes Königreich zu gewinnen, muss er die Illusion zerstören, dass er durch die Befriedigung seines Egos seine Macht kundtue; er befriedigt seinen Feind, wenn er sein Ego zufrieden stellt. Ein persischer Dichter sagt:
"Jedes Mal, wenn ich mit meinem Feind Frieden schließe, hat er die Gelegenheit, sich zu neuem Kampf zu rüsten."
Der grosse Kampf, den die Sufis, die Heiligen und die Yogis kämpfen, ist der Kampf mit dem Ego. Aber der Heilige kämpft mit seinem eigenen Ego, während der Durchschnittsmensch mit dem Ego anderer Leute kämpft. Der Unterschied im Ergebnis der beiden Kämpfe besteht darin, dass Sieg und Niederlage des Durchschnittsmenschen vorübergehend ist, aber der Sieg des Heiligen ewig ist. Der erstere, sobald er einen Kampf beendet hat, muss einen neuen beginnen, während der letztere, wenn es ihm einmal gelang, siegreich ist. Und schließlich ist alles, was der erstere gewinnt, nicht sein eigen, weil sein Königreich nicht sein eigen ist. Aber der Heilige ist König in seinem eigenen Königreich. (aus: Hazrat Inayat Khan: Die Gathas, S. 176-177)

Das Ego wird trainiert wie ein Pferd

Das Ego wird vom Sufi genauso trainiert wie ein Pferd von seinem Reiter. Ein Zaum wird ihm angelegt und sein Herr hält die Zügel in der Hand. Dieses Training nennen die Hinus Yoga, d. h. mit Hilfe der Enthaltsamkeit die Beherrschung des Ichs zu erlangen. Oft, wenn ein Mensch unrecht tut, möchte er dies gar nicht tun, sondern er ist nicht fähig, sich von solchem Tun zurückzuhalten. In erster Linie ist Unrecht tun fast immer die Folge von Gelüsten und Leidenschaften oder dem Befriedigen der Eitelkeit. Deshalb wurden von den Mystikern oft das Fasten und besondere Körperhaltungen geübt. Je mehr man den Leidenschaften und Gelüsten nachgibt, desto mehr wird man deren Sklave, bis man in einen Zustand gerät, in dem man gegen das eigene Gewissen redet und handelt. Untugenden, wie Betrug, Schmeicheln, Falschheit und dergleichen rühren von Mangel an Willenskraft her und von der Widerstandslosigkeit gegenüber den Leidenschaften. Um das Ego zu schulen, ist es nicht unbedingt nötig, sich aller physischen Wünsche zu enthalten.
Der Gedanke ist, ein Verlangen zu beherrschen, anstatt sich von ihm beherrschen zu lassen. Die Klage einer jeden Seele und die Reue jeder Seele hat immer den gleichen Grund: die Versklavung des Menschen durch das Nachgeben gegenüber seinen Begierden. Wenn man sich mit der Begierde identifiziert, erlaubt man ihr, einen zu beherrschen. Und man bemitleidet sich selbst, was die Sache noch schlimmer macht. Das Verlangen nach einem momentanen Genuss wird zu einer Entschuldigung für das Nachgeben. So schiebt z. B. jemand, der zu spät aufsteht, die Schuld auf die Kälte: er habe nicht anders können wegen der Kälte, sagt er. Der Verstand liefert immer und für alles eine Entschuldigung. Aber den Konsequenzen kann man nicht entgehen, und die Reue, die folgt, beweist, dass ein Fehler begangen wurde.
Hat ein Mensch sich einmal an seine Fehler gewöhnt, stumpft sein Gefühl dafür ab, und er hat keine Skrupel mehr. Er wird dann zu einem Sklaven seiner Fehler und gleicht einem Wurm. Die Fehler werden zu seinen Lebensgewohnheiten. Darum bedeutet in der Sprache der Hindus das Wort für Hölle ein Ort voller Würmer. Mit anderen Worten: man nährt sich von seinen Fehlern, und die Fehler finden ihre Nahrung in einem. Bei genauer Beobachtung sind derartige Fälle nicht selten. Manche kann jedermann beobachten, andere sind verborgen.
Diejenigen, die den Wert der Selbsterziehung kennen, halten sie für das Wichtigste im Leben. In dieser Erziehung besteht der erste Schritt darin, sich zu fragen:"Warum muss ich dieses Ding haben? Warum soll ich es nicht haben? Und wenn es für mich nicht gut ist, warum soll ich es dann nicht haben?" Wenn jemand es sich so zur Gewohnheit gemacht hat, mit seinem Ego in diese Weise über jede physische Begierde zu reden, wird er immer imstande sein, das zu tun, was er tun sollte. (aus: Hazrat Inayat Khan: Die Gathas, S. 179-181)